von Suzanne Lehar 1997 geschrieben und seither nicht mehr verändert:
Unser Leben beginnt mit einem Mankoerlebnis: bei der Geburt verlieren wir den uns schützenden, uns umgebenden Mutterleib. Gerade noch waren wir, von der Wahrnehmung her, dieses Ganze. Ohne jegliche Erfahrung von Trennung.
Im Mutterleib haben wir gelernt, eingeübt, die Umgebung und uns selber als ein zusammengehörendes Ganzes zu erleben. Dabei fehlt Ich-Substanz total.
Weil keine Ich-Funktion etwas abtrennt, SIND wir dieses Ganze. Und plötzlich drückt uns beim Geburtsvorgang dieses gewohnte Ganze einfach zusammen … ist noch später weg. Es atmet mich.
Diesen ersten Atemzug erleben wir schockartig. Er macht uns ein anderes Dasein bewusst.
Dann prägen wir uns mit der neuen Umgebung ausserhalb des Mutterleibes: wir identifizieren uns damit. Wir decken unser Manko des verlorengegangenen Mutterleibes ab mit der Identifikation mit unserer Umgebung. Wir SIND diese Umgebung.
Und das macht ja Sinn. So fügen wir uns schnell in die gegebenen psychologischen, mentalen und soziale Strukturen ein. Eine solche Identifikation erlaubt uns eine optimale Anpassung. Mit allen Nebenwirklungen.
Somit haben wir alle, wenigstens auf diesem Planeten, am Beginn unseres Daseins mehr oder weniger gelernt, uns mit Manko zu identifizieren. Wir werden mit dem Geburtsvorgang sozusagen physiologisch in eine Situation hineingeworfen, aus der wir dann ein Manko-Bewusstsein aufbauen.
Alles, was nachher kommt, baut dort weiter.
Hunger ist dann nicht mehr nur Hunger, sondern das Bedürfhis, von der Umgebung die verlorengegangene Ganzheit wieder bestätigt zu erhalten.
Das heisst, dass wir uns als akzeptiert erleben, wenn dieses Wesen ‘Mutter’, das uns gerade die Trennung lehrte, wieder in die Arme nimmt.
Später lernen wir Menschen, NEIN zu sagen. Also Trennung zwischen uns und dem Rest der Welt aufzubauen, zu bestätigen.
Um es kurz zu machen, dieses NEIN haben wir in der Zwischenzeit so sehr verstärkt, dass wir uns vom Rest der Welt als definitiv abgetrennt erleben. Und dann brauchen wir Kompensationen.
Derart viele Kompensationen, dass wir zu allem bereit sind.
Wir unternehmen alles, um das entstandene Manko wieder abzudecken. Noch mehr, um das Manko vor uns selber ganz zu verstecken.
Eugen Drewermanns Urangst und das Mankobewusstsein sehe ich beide als Teil des schon zitierten Knotens.
Ron Kurtz, ein bekannter Psychotherapeut in den USA, hat Charakterstrukturen beschrieben, welche dieser tiefen inneren Abwehr Form geben, sie ausdrücken.
Er beschreibt Typen wie der Schizo, der Orale, der Maso, der Psychopath und die hysterisch und die phallisch Rigiden. Der Orale und der Psychopath sind nochmals aufgeteilt in zwei gegensätzlich mögliche Reaktionen.
Somit hätten wir laut Ron Kurtz acht Grund-Abwertypen, die wir nach seiner Aussage alle mehr oder weniger gemischt repräsentieren.
Menschen, deren Schwangerschaftszeit oder Geburt eher problematisch verliefen, haben laut Ron Kurtz beispielsweise mehr von der Schizo-Abwehr entwickelt.
Ich erlaube mir, dieser Typologie noch einen Charakter zuzufügen und damit eine Reaktion aufzuzeigen, welche bei Ron Kurtz fehlt. Ich nenne ihn den Nirvana-Freak (siehe nachfolgendes Märchen).
Dieser Abwehr-Charakter will mit der sekulären Welt nichts mehr zu tun haben. Er hat es wahrscheinlich nie geschafft, überhaupt bis in die Praxis von Ron Kurtz zu kommen.
Dieser Typ hat wieder Zulauf.
Er verkörpert ein so starkes NEIN zu unserer sekulären Welt, dass er der geborene Kandidat ist für Fundamentalismus aller Schattierungen, für Sekten, Gurus und all die schrecklichen Gestalten, die wir uns jetzt (1997) als Kollektiv wieder einmal ausmalen.
Frage 57: aber vielleicht kann der Nirvana-Freak nur durch einen Guru überhaupt noch am physischen Leben erhalten werden? Vielleicht kann nur so ein Sektenführer ihm doch noch etwas Geschmack für eine mögliche Lebensform abringen?
Vielleicht ist für einen Fundamentalisten das weltliche Leben wirklich unerträglich?
Ja warum denn? Hat ihn denn schon jemand gefragt? WIRKLICH gefragt? Durch welche Mühle der ‘Dunklen’ wurde er vielleicht gerade letzte Nacht geschleusst, um sich selber derart zu hassen?
Abwehr, die sich als Charakter verfestigt, ist eine vorläufige Notlösung. Sie erlaubt uns, ‘Bewusstsein bewusst werden zu lassen’. Um sich selber zu finden. Wäre die Selbstfindung wirklich erreicht, löste sich die Notlösung von selber wieder auf. Mit gewissen Mind-Techniken ist das möglich.
Da wir die Notlösung scheinbar benötigen, um damit das Leben wahrzunehmen, wird auch klar, dass hier die Moralbegriffe von Sünde und Schuld die Sache überhaupt nicht treffen. Sie greifen weit daneben. Denn hier gilt nur das Ziel des befreiten, bewussten Menschen. Solange dies nicht erreicht ist, gilt die Situation noch als Notlösung.
Frage 58: Kommt unsere Abwehr daher, dass wir im kollektiven Unterbewussten die Erinnerung an eine unvorstellbare Sauerei herumtragen? Ist mit uns allen etwas passiert, dessen Erzählung uns als Endzeit-‘Alpokalypse’ versprochen wurde?
Apokalypse soll auf griechisch ‘Offenbarung’ heissen und nicht Katastrophe. Was aber, wenn die vorausgesagte Offenbarung einer Katastrophe gleichkäme?
Vielleicht sind die Entführungsgeschichten der Zipfel jenes Eisberges, dessen jetzt noch unter Wasser liegender Teil uns die Apokalypse beschehrt? Wenn wir also am heraushängenden Faden zögen, käme da vielleicht die ganze Spule mit?
Dann wäre die ganze Abwehr verständlich. Auch das Zurückhalten von Dokumenten durch die amerikanische Regierung, wenn diese von Panikvermeidung spricht. Warum diese Aussage nicht für einmal ernst nehmen? Wenn die amerikanische Regierung schon in den vierziger Jahren/anfangs der fünfziger auch nur 10% dessen wusste, was ich in meinen Entführungen erlebt habe, dann kam sie damals gewiss selber in Panik. Dann KONNTE sie dieses Material nicht veröffentlichen.
Vergessen wir nicht, damals war unsere Welt noch heil, trotz oder gerade wegen des zweiten Weltkrieges. Wir waren gerade im Begriff, die Welt endgültig zu erobern, die Armut zu besiegen. Damals glaubten wir noch ungebrochen an die Technik, die Machbarkeit, den Fortschritt. Wir waren sicher, in einigen Jahrzehnten hätten alle Drittwelt-Länder Ausbildung, Schulen, gerechte Arbeit, eine Altersvorsorge und nur so viele Kinder, als die Eltern in Würde ernähren konnten.
Ja, wir glaubten wirklich daran, dass eines Tages allen Menschen der Genuss von Kreditkarten und gestreifter Zahnpasta selbstverständlich wäre. Ich weiss, dann wurden wir zu 68-er und wir spuckten lieber auf Regierungen, als bei uns selber nachzuschauen. Mit Mai 68, mit der Studenten-Revolte wurde nämlich heile Welt bewahrt. WIR waren die heile Welt, die anderen waren die Dummen.
Nach dem Fall der Berliner Mauer kam ein neuer Ton auf In der Schweiz verschwand die Poch, dafür gewannen einige Jahre später die Armeegegner einen unerwarteten Zulauf. Deren Sprache war inzwischen sanft geworden, deren Tonfall angemessen. Heute verlaufen in der Schweiz öffentliche Diskussionen über die ‘heissen Eisen’ der Wirtschaft und Politik oft in einem fast konzilianten Ton.
Und plötzlich darf man sogar über Ausserirdische reden, man hört über Entführte, filmt deren Hypnose-Sitzungen. Auch wenn noch mühsam, sozusagen als letzte Garnitur, die Schläfenlappen-Epilepsie zur Beruhigung herhalten muss. TV und Spezialpresse diskutieren zwar noch unbeholfen (1997), aber Ausserirdische sind nicht mehr tabu.
Wenn einem Menschen von seiner Lebensgemeinschaft das Recht verwehrt wird, seine Entscheidungen selbständig und frei zu bestimmen, wenn seine Kreativität somit eingeschränkt wird, dann stiehlt man ihm damit die Möglichkeit, seinen eigenen Weg zur Unendlichkeit zu finden und zu verwirklichen.
Wenn wir durch eine bewusst erinnerte Entführung den Verlust unserer Vorstellung über ein ‘höheres’ Paradies riskieren, wenn wir vermuten, den bisher überirdisch geglaubten Gott damit verdammen zu müssen, dann wollen wir lieber gar keine Erinnerung.
Lieber bleiben wir, wo wir sind.
Lieber wissen wir uns sündig, hilflos, demütig (New Age-Version der Abwehr), oder besserwissend, achselzuckend über Spinnereien (wissenschaftliche Version der Abwehr). Beide Lager bekämpfen sich in normalen Zeiten hartnäckig, in der Frage über Ausserirdische haben beide Parteien unüblichen Konsens: sie wollen die Realität ums Himmels Willen ja nicht erfahren. Und vor allem ja nicht fühlen müssen.
Siehe auch zusätzliche Definitionen von Manko im Glossar.
Nachfolgend Typologie der charakterlichen Abwehr-Panzer:
Alles Kursiv Geschriebene: Typologie gemäss Ron Kurtz, Phychotherapeut aus Brooklyn, siehe sein Buch « Körperzentrierte Psychotherapie – die Hakomi-Methode », Synthesis Verlag 1988.
(Den Rest dieser Aufstellung, daßsin gerader Schrift Geschriebene, habe ich subjektiv eingefügt):
- Der Rabe = der Orale,
deckt Manko wie? hungert seelisch und körperlich und lässt sich im Ex1remfall aus dem Ganzen wegsterben / Anorexie?,
wo klemmts? Stärkungsbarriere,
Beruf: der Taglöhner,
Kompensationsidentitlit: der (Wunder)-Sammler. - Das Nilpferd = der rigide Phalliker,
deckt Manko wie? wird zur Salzsäule, stellt sich tot,
wo klemmts? Abschlussbarriere,
Beruf: der Gefängniswärter,
Kompensationsidentität: der Meditierende. - Der Waldzwerg = der Nirvana-Freak,
deckt Manko wie? -pflegt Wissen um ‘Todes’-Bewußtsein, pflegt die Ausgrenzung vom Weltlichen, kreiert ein Programm mit Inhalt ‘nichts’,
wo klemmsts? Existenzbarriere,
Beruf: der Aussenseiter,
Kompensationsidentität: der Prophet. - Die Ratte = der Schizo-Typ,
deckt Manko wie? will nicht hinsehen, Wahrheit ist zu schmerzhaft, spaltet sich, um beiden Polen gerecht zu werden,
wo klemmts? Einsichtsbarriere,
Beruf: die Märchenschreiberin,
Kompensationsidentität: die Pastorin. - Der Resusaffe = der rigide Hysteriker,
deckt Manko wie? – zappelt wild herum, glaubt an die Macht der der Verwandlung und will diese unbedingt,
wo klemmsts? Abschlussbarriere,
Beruf: der Wokaholic-Zeitungsredaktor,
Kompensationsidensität: der Erfinder. - Der Bär = der Maso-Typ,
deckt Manko wie? sitzt Probleme wartend ab, bis sie vorbei sind und den anderen der Schnauf ausgeht,
wo klemmsts? Handlungsbarriere,
Beruf: der Beamte,
Kompensationsidentität: der Kapitän. - Das Stachelschwein = der ‘Psychopaten’-Typ,
deckt Manko wie? – muss alles total kontrollieren, zieht Gewinn aus der Opferrolle, macht zur Selbsterhaltung einen Bruch, zwischen sich und dem Rest der Welt, kann nichts zugeben,
wo klemmts? Barriere des sich Einfügens,
Beruf: der Diktator,
Kompensationsidentität: der Strassenhändler.
Das Nilpferd und der Resusaffe waren übrigens Zwillinge. Beide hatten die Abschlussbarriere. Das heisst, sie wurden mit einer Sache nie fertig.
*****
Die Ameisenkönigin
Eine waschechte Ceta Reticuli – eine zerbrechlich gebaute Ausserirdische mit Riesenkopf und Schlitzaugen – näherte sich unserer Erde. Samt Raumschiff, Volk und Mannschaft.
Sie alle werkelten jeden Tage zufrieden vor sich hin, wie immer. Sie lebten im Ganzen, aus dem Ganzen, ja sie WAREN das Ganze. Aber auf dieser Erde entdeckte sie recht eigenartige, ungewöhnliche Wesen.
Ungewöhnlich, weil hier jedermann auf seine Art diese unendliche Ewigkeit leugnete. Diese Ewigkeit, die sie, ihr Volk und die ganze Mannschaft nährte … sie alle trug und ihnen erlaubte, aus ihr zu leben. Zu leben, indem jeder dieses unendliche Ganze durch sein eigenes Leben ausdrückte, ihm sozusagen Form gab. Und genau diesen Urquell leugneten diese Wesen hier. Unglaublich. Diese Wesen auf der
Erde hier hatten eine Abwehr gegen das Ganze entwickelt.
Und um das auch ja zu bewältigen, also noch Zeit und Kraft für alltägliche Dinge aufwenden zu können, hatten sie diese Abwehr zu einem Charaktertyp werden lassen. Dieser erledigte fortlaufend für sie diese Abwehr, selbständig, ohne dass sie daran denken mussten. Eine Meisterleistung.
Das machte Sinn, denn man muss wissen, dass es sehr viel Mühe und Kraft benötigt, das grosse Ganze abzuwehren.
Diese Ewigkeit aus der man besteht, von dem man ein Teil ist und in dem man lebt ist etwas sehr Kraftvolles. Und mit Hilfe dieser Charaktermaske mussten sie das abgewehrte Ganze auch nicht mehr fühlen.
Nun, das war interessant genug um sich einen Halt zu gönnen. Die Ceta Reticuli wollte einige dieser Wesen näher studieren und besucht sie einzeln.
Sie besuchte heimlich nacheinander den Raben, das Nilpferd und das Stachelschwein. Dann die Ratte, den Bär und den Resusaffen. Ganz zuletzt kam noch der Waldzwerg an die Reihe. Sie beobachtete alle gründlich. Genau so gründlich, wie sie immer arbeitete.
Der Rabe schuftete als Taglöhner beim Stachelschwein, welches seinerseits im Dorf für eiserne Ordnung sorgte.
Das Nilpferd war dem Stachelschwein unterstellt und mühte sich ab, dem Waldzwerg auf die Finger zu schauen. Damit der ja keine Dummheiten mache.
Der Waldzwerg wollte unbedingt das Dorf ignorieren und tun, was er für richtig hielt, nähmlich nichts. Was das Nilpferd überhaupt nicht ertrug.
Der Bär war gewissenhaft für Regierungs-Sachbearbeitung zuständig.
Die Ratte schrieb wunderschöne Märchen-Geschichten und wollte diese immer wieder dem Resusaffen verkaufen, welcher meistens müde abwinkte. Der Resusaffe war doch voll beschäftigt, dem Dorf die letzten Ereignisse der Welt mitzuteilen.
Doch, sie hatte es selber getestet: deren Abwehrmaske sass bei jedem fest, war nahtlos angepasst. Ja, unglaublich. Nun, als Ceta Reticuli hatte sie natürlich mehr als eine Masche im Sack und hätte diese Maske aufknacken können. Aber sie hatte zu bemerken geglaubt, dass hinter der Maske ein eher wehrloses Wesen steckte. So etwas wie eine Made im Seidenkockon.
Man muss noch wissen, dass diese Wesen alle in einem sehr grossräumig gestalteten Dorf zusammenlebten. Jeder brauchte seinen persönlichen Platz im Tümpel, Häuschen oder der Erdhöhle. Jeder hatte seinen Beruf, der für die anderen mehr oder auch weniger nützlich war.
Aber sicher beschäftigte er sich dabei und hatte gar keine Zeit zum Fühlenmüssen.
Indirekt wollte sie jetzt aber doch noch versuchen, etwas Leben in dieses Getümmel zu bringen. Sie wollte alle diese Leute zu einer Reaktion verleiten. So unternahm sie am darauf folgenden Morgen eine Provokation:
Noch vor Sonnenaufgang, als alle noch schliefen, legte sie jedem einen seiner Gewohnheit entgegengesetzen, fremden Gegenstand aus ihrer eigenen Welt vor die Haustüre: dem Rabe ein wunderschönes Schmuckstück, dem Nilpferd ein rot-grünes Mantrabild, dem Waldzwerg eine wirklich ganz einfache, voraussehbare Prophezeiung, geschieben auf edlem Pergamentpapier. Er musste sie nur ablesen, sonst nichts.
Der Ratte schenkte sie eine echte, lebendige Maria-Erscheinung, ein Hologramm, das sich unregelmässig selbst kurz erschuft und wieder auflösste.
Dem Resusaffen verpasste sie ein schwieriges Geduldsspiel, dem Bär ein Ratespiel mit tollen Gewinn-Chancen und zuletzt dem Stachelschwein einen Fernkurs über die Kunst, erfolgreich zu diskutieren.
Die Ceta Reticuli erhoffte sich, dass durch die Verführung zu einer so anders gearteten Beschäftigung eine Oeffimng des jeweiligen Charakterpanzers geschehen könne.
Als erster trat der Rabe aus seinem Nest. Das glitzernde Leuchten des Schmuckstückes liess ihn gleich erstarren. Lange stand er davor, wagte nicht, das Ding da anzurühren.
Da er zu spät beim Stachelschwein erscheinen würde, schob er zuletzt das Wunder in sein Nest, schubste altes Heu darauf und ging wie gewohnt zur Arbeit. Keinem erzählte er von seinem Fund, aber künftig würde er immerzu Ausschau halten, ob sich das Wunder nicht doch wiederhole.
An seinem Leben änderte er sonst gar nichts.
Als zweiter erwachte der Resusaffe. Todmüde. Bis spät in die Nacht war er seinen letzten Meldungen nachgerannt. Er vertiefte sich sofort in das Geduldspiel. Die Ceta Reticuli war schlau genug gewesen, das Spiel besonders ideenreich zu gestalten, so dass man damit nie fertig wurde und immer neue Kombinationen erfinden konnte.
Der Resusaffe war hell begeistert. Keine News mehr für das Dorf. Er soll immer noch vor seiner Türe sitzen. Ins Erfinden vertieft.
Das Nilpferd hatte nur kurz geschlafen und fest auf den Waldzwerg aufgepasst, aber in der kurzen Zeit ihres Wegdösens war der wieder einmal abgehauen. So sah es vor sich nur das rot-grüne Mantrabild.
Sah es an, studierte es, verlor sich immer mehr darin, vergass den Waldzwerg. Vergass den Waldzwerg ganz, total.
Es war aber auch das allerschönste Mantrabild, das ein lebendes Wesen je gesehen hatte.
Von Zeit zu Zeit kann man hören, wie das Nilpferd seinem Mantrabild etwas vorsingt.
Die Ratte stand erst am Nachmittag auf Sie hatte die erste Mariaerscheinurtg glatt verpasst und fand somit vorerst gar nichts. Die Ceta Reticuli bemerkte dies von ferne, schlich sich heimlich heran und schob das Maria-Hologramm-Maschinchen gleich hinter den Schreibtisch.
Als Maria plötzlich strahlend erschien, sanftmütig Trost und Hoffnung spendete, zum beten aufforderte, die Ratte sogar streichelte, konnte diese ihr Märchen nicht mehr beenden. Es liegt heute noch unfertig am gleichen Ort.
Dafür kann sie jetzt wunderschön predigen.
Der Waldzwerg fand seine Prophetie, sprach aber zu niemandem davon. Warum auch, die waren doch alle zu blöd dafür.
Erst als die Voraussage in Erfüllung ging machte er eine Andeutung. Seither galt er als Prophet im Dorf, auch wenn er nie mehr etwas verkündete. Dafür wurde er endlich respektiert.
Das Stachelschwein lernte eifrig seine Lektionen, fand Freude am Diskutieren, Recht haben, übte sich im Feilschen mit Ideen und Gegenständen. Es führte eine echte Streitkultur ein.
Seither verkauft es am liebsten seinen gehammsterten Hausrat aus dem Palast mit reichlich Gewinn an vorübergehende Passanten. Es hatte gelernt, sein Misstrauen gegenüber den anderen optimal zu verwalten.
Der Bär verliess seine Höhle, absolvierte gewissenhaft alle Such- und Gewinnspiele, kam so immer weiter von seinem Dorf weg, fand neue Gegenden. Er bereiste ganze Kontinente, man sah ihn kaum noch.
Zuletzt hatte er eine Mannschaft angeheuert und mit einem Handelsschiff die Welt umsegelt.
Die Ceta Reticuli sah die Veränderung. Die Einzelnen hatten sich wohl dem Neuen geöffnet, waren dadurch raffinierter geworden, ihr Programm hatte mehr Files erhalten. Das Dorf war in Bewegung geraten.
Aber sonst geschah gar nichts. Sie hatten das Neue integriert, das Grosse Ganze konnten sie noch nicht erahnen. Sie konnten sich IHM nicht integrieren lassen.
Dazu waren sie noch zu kleinmütig. Oder zu großspurig.
Für die Ceta Reticuli war das glatter Selbstmissbrauch. Dessen daraus resultierende Mankodeckung erreichten sie durch zwanghaft vollbrachte Handlungen, die sich zu einem Charakter verhärteten.
Aber das merkten sie noch nicht.
Vielleicht, mit etwas Glück, würden sie einmal halbwegs erkennen, dass Ihr Leben nur aus Mankodeckung bestand. Mit viel Mut würden sie dann ihren Selbstmissbrauch erahnen.
Inzwischen benötigten sie eine Deckung des Mankos mit Materialismus, mit Recht und Ordnung, Selbstentwicklung. Aber auch Nein-Sagen, alles-auf-den-Kopf-stellen oder fundamentalistische Religionen halfen, ein tief innen bohrendes Unbehagen auszugleichen.
Ein neuer Besuch würde sich erst lohnen, wenn nichts mehr lief Nicht einmal mehr das ‘Nichts’-Programm des Nivana-Freaks.
Sie entschied, der Erde eine Kopie von sich und ihrem Volk zu schenken, verkleinerte diese Klone auf ein paar Millimeter, gab ihnen zur Erleichterung der Existenz zwei Antennen auf den Kopf und vier weitere Beine und setzte sie im Wald aus.
Mit genug Wissen zum Ueberleben.
Und so erhielt die Erde eine Ameisenkönigin. Sammt Volk und Drum und Dran.